Kategorie Archiv:Sprache

Ergativ oder Akkusativ?

Manche Leute sind seltsam. Ich zum Beispiel. So kämpfe ich seit einiger Zeit mit dem Ergativkonzept. Die Frage dreht sich um transitive Verben, also Verben, die neben dem Subjekt noch ein Objekt benötigen.

Der Pfeil trifft. („Treffen“ als intransitives Verb.)

Der Pfeil trifft den Hasen. („Treffen“ als transitives Verb bekommt ein Objekt.)

Hier ist „der Pfeil“ das Subjekt und steht in beiden Fällen im Nominativ. „den Hasen“ ist das Objekt und steht im Akkusativ, deswegen bekommt der Hase das „-n“ als Suffix und „den“ statt „der“ als Artikel. Substantive im Nominativ haben keine Suffixe. Man nennt das unmarkiert.

Weil Deutsch unmarkierten Nominativ und markierten Akkusativ für Subjekt und Objekt verwendet, nennt man es eine Akkusativsprache.

Ergativsprachen funktionieren spiegelbildlich. Hier haben das Subjekt des ersten Satzes und das Objekt des zweiten Satzes denselben Fall, nämlich den Absolutiv. Das Subjekt des zweiten Satzes ist dagegen der Außenseiter und steht in einem besonderen Fall, dem Ergativ. Man kann das logischerweise im Deutschen nicht beispielhaft zeigen, denn Deutsch hat ja keinen Ergativ, aber auf der entsprechenden Wikipedia-Seite wird es durch erfundene Ergativ-Endungen sozusagen simuliert:

Der Pfeil trifft.

Deru Pfeilu trifft der Hase.

Das „-u“ soll die Ergativ-Endung darstellen, die es im Deutschen nicht gibt. „Der Pfeil“ und „der Hase“ stehen dagegen im nicht durch Suffixe markierten Absolutiv.

Wikipedia nennt dazu noch ein interessantes Beispiel: In vielen Ergativsprachen würde nämlich der Satz „Der Schüler sah die Lehrerin und ging weg.“ so interpretiert, dass die Lehrerin weggegangen ist. Das ist verblüffend, folgt aber daraus, dass der Absolutiv und nicht der Nominativ der unmarkierte Fall ist. Das nennt man dann syntaktische Ergativität.

In Akkusativsprachen weiß der Hörer nach dem Subjekt noch nicht, ob ein transitives oder intransitives Verb folgt, denn das Subjekt steht in jedem Fall im Nominativ. In Ergativsprachen weiß es der Hörer sofort, denn die Transitivität des Verbs wird bereits durch den Absolutiv bzw. Ergativ vorweg signalisiert. Ist doch komisch, dass es solche Unterschiede gibt, oder?

Übrigens gibt es auch Mischsprachen, die beide Systeme verwenden, z. B. für unterschiedliche Zeiten oder für unterschiedliche Worttypen (Pronomen und Substantive) oder für unterschiedliche Personen (ich, du, er/sie/es). Und dann gibt es noch Ergativ-Akkusativ-Sprachen, die für alle drei Positionen einen eigenen Fall haben, also Nominativ für Subjekte intransitiver Verben, Ergativ für Subjekte transitiver Verben und Akkusativ für Objekte transitiver Verben. Das ist anscheinend ineffizient, denn nur sehr wenige Sprachen funktionieren so, darunter Nez Percé.

Deutsch ist eine indogermanische bzw. indoeuropäische Sprache. (Beide Begriffe sind synonym.) Die meisten indogermanischen Sprachen sind Akkusativsprachen. Insbesondere sind alle in Europa gesprochenen Sprachen außer Baskisch Akkusativsprachen und Baskisch ist keine indogermanische Sprache. (Außerdem sind Finnisch, Estnisch, Ungarisch und Türkisch keine indogermanischen Sprachen, allerdings sind sie Akkusativsprachen.) Da aber die wenigsten Menschen Deutsch und Baskisch sprechen, kommt uns das Ergativschema fremd vor.


 

Eigentlich wollte ich noch über Aktivsprachen schreiben, die noch ein anderes und irgendwie logischeres Schema verwenden, aber jetzt ist die Seite schon voll und ich muss das auf einen späteren Artikel verschieben. Die Unterscheidung von Akkusativ-, Ergativ- und Aktivsprachen sowie sonstiger Sonderformen bezeichnet man zusammenfassend auch als Relationale Typologie, die sich obendrein noch mit ditransitiven Verben („Anna gibt Bettina das Buch.“) befasst.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Er macht mich schier wahnsinnig, der kleinste gemeinsame Nenner. Ob positiv („Wir einigten uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.”) oder negativ („Man konnte sich nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen.”).

Der kleinste gemeinsame Nenner zweier natürlicher Zahlen ist … 1. Es gibt keinen kleineren natürlichen Teiler, denn 1 ist die kleinste natürliche Zahl und sie ist außerdem Teiler jeder anderen natürlichen Zahl.

Interessant und mathematisch relevant ist lediglich der größte gemeinsame Teiler bzw. Nenner. Schlimm ist es, wenn er auch 1 ist, zum Beispiel bei Primzahlen oder allgemein bei teilerfremden Zahlen. In vielen1 Fällen gibt es aber gemeinsame Teiler größer 1, so, wie es in den meisten Situationen, in denen die Metapher angewendet wird, Gemeinsamkeiten gibt.

Mathematisch relevant ist auch das kleinste gemeinsame Vielfache. Bei 4 und 6 ist es zum Beispiel 12. Allerdings ist dieser Begriff als Metapher in den meisten Fällen ungeeignet.

Fazit: Die Metapher „kleinster gemeinsamer Nenner” ist sinnlos und reine Effekthascherei, weil „größter gemeinsamer Nenner” eben irgendwie groß und deshalb zu positiv klingt. Im Kern ist sie unaufrichtig. Empfehlung: Vermeiden.


1. Die Mächtigkeit der Menge der Paare von teilerfremden Zahlen ist abzählbar unendlich groß. Ebenso die Menge der Paare von nicht teilfremden Zahlen. Keine Menge hat also eine größere Mächtigkeit als die andere. Die Hafner-Sarnak-McCurly-Konstante ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei zufällig gewählte, natürliche Zahlen teilerfremd sind. Erstaunlicherweise beträgt sie etwas mehr als 60%.

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